Enkes Tod: Sensationsjournalismus vs. Schutz der Ehre

    

Manchmal kotzen mich die Medien an. Und zwar so richtig. Klar, irgendwo gehöre ich dazu und oftmals tragen sie zu meiner Erheiterung und (im besten Fall) auch zur Information bei, aber das, worüber ich heute im Blog von Medienjournalist Stefan Niggemeier gestoßen bin, schockiert und erzürnt mich gleichermaßen.

Generell mag man über die Berichterstattung vom Tod des Torhüters Robert Enke seine ganz eigene Meinung haben. Natürlich ist es eine Tragödie. Natürlich ist die Trauer berechtigt. Und natürlich geht auch mein Mitgefühl und Beileid an seine Adoptivtochter sowie an seine starke Frau, die, mit dem Gedanken, dem Medienzirkus danach entfliehen zu können, vor laufenden Kameras in der tiefsten Phase der Trauer eine PK gibt.

Doch mir scheint der Umgang der Medien mit diesem Thema in großen Teilen sehr einseitig. Passende Worte dazu hat in meinen Augen Kollege Frank Wallitzek bei Radio Bonn/Rhein-Sieg gefunden.

Davon ab: was sich einige namhafte Medienunternehmen in diesen Tagen leisten, zeugt mal wieder vom oft beschriebenen Sensationsjournalismus, wie der Blog-Eintrag von Niggemeier unter Beweis stellt.

Natürlich war die Selbsttötung von Torwart Enke auch bei ProSieben ein Thema. Am Mittwoch berichtete in »Newstime« Reporter Stefan Landgraf. Dem Zuschauer werden Bilder vom Unglücksort präsentiert. Eine junge, zunächst nicht näher erkennbare Frau ist zu sehen, die sich mit den Helfern austauscht. »Sagen Sie bitte, was mit meinem Mann ist«, erkundigt sie sich bei einem Polizisten. »Das kann ich Ihnen jetzt nicht sagen.« »Lebt er noch?« will sie wissen. Seitens der Polizei erneut die Aussage, dass man dies jetzt nicht sagen könne. Es ist Enkes Frau Teresa, die sofort zum Unglücksort eilte.

Das alles präsentierte uns ProSieben (beziehungsweise der hauseigene Nachrichtensender N24) mit entsprechendem Bildmaterial und Untertiteln zur besseren Verständlichkeit. Stefan Niggemeier zeigt von ihm unkenntlich gemachte Screenshots aus dem Beitrag.

Quelle: stefan-niggemeier.de; Screenshot: ProSiebenQuelle: stefan-niggemeier.de; Screenshot: ProSieben

 

Sensationsgeilheit der unschönen Sorte. Doch wer kann so etwas verhindern? Die Antwort ist ganz einfach: der Pressekodex, den jeder Journalist hoffentlich auswendig gelernt oder zumindest irgendwann mal in Händen gehalten hat. Zunächst ein Auszug um zu erklären, dass die Berichterstattung über den Selbstmord Enkes in der Tat seine Berechtigung hat, thematisiert zu werden:

Richtlinie 8.5 – Selbsttötung
Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt.

Berichterstattung ja, aber…

ZIFFER 9 – SCHUTZ DER EHRE
Es widerspricht journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen.

Bleibt die Frage offen, ab wann von »unangemessenen Darstellungen« die Rede ist. War die »Newstime«-MAZ unangemessen? Das obliegt in erster Instanz natürlich zunächst den verantwortlichen Chefredakteuren. Doch sollte auch die Redaktion von ProSieben/N24 über Ziffer 11 des Pressekodex informiert sein, denn…
ZIFFER 11 – SENSATIONSBERICHTERSTATTUNG, JUGENDSCHUTZ
Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid. Die Presse beachtet den Jugendschutz.
Richtlinie 11.1 – Unangemessene Darstellung

Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird.

Unangemessen? Nicht für die Nachrichten-Redaktion. ProSieben-Sprecher Christoph Körfer sagt auf Anfrage von Niggemeier, die Bilder zu zeigen war »angemessen«. Bei N24 hieß es auf seine Nachfrage hin, diese Bilder seien doch auch auf anderen Sendern zu sehen gewesen. Im Vergleich zu ProSieben jedoch verpixelt.

Es ist ein Armutszeugnis, wenn Bilder wie diese über den Sender geschickt werden. Überhaupt gipfelt der Sensationswahn der Presse mehr und mehr in fragwürdige Dimensionen und stellt den Beruf des Journalisten in eine Ecke, in die er nicht reingehört. Schnell wird man als unsensibles Monster abgestempelt.
So ist es bei Twitter keine Seltenheit mehr, wenn eine Lokalzeitung User mit Tweets wie »Tote und Schwerverletzte bei Unfall auf der B10 – Bilder und Videos bei uns…« anlocken will. Wer diese Form von Journalismus unterstützen will, darf natürlich weiterhin gerne klicken. Bei mir wird so etwas lediglich mit einem Klick auf »unfollow« quittiert.

Für die ProSieben/N24-Nachrichtenredaktion zum Ausdrucken und An-die-Wand-hängen

 

Dieser Blog-Eintrag wurde auch auf der Homepage des Autors, Kevin Körber, veröffentlicht.

Veröffentlicht am 13. November 2009, 16:23 Uhr

Kategorie: Fernsehen

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wohnraumheldin

13. November 2009 um 17:50    


Da kann man kaum noch was hinzufügen… Ich finds einfach nur total BAH [grad auf der Suche nach nem passenden Wort, aber find keins], was die da machen, und nicht nur bei dem Thema, eigentlich viel zu oft. Auch wenn ich Enke vorher nicht kannte, habs nicht so mit Fußball, dementsprechend hält sich meine “Trauer” in Grenzen (zumal sich jeden Tag zig Menschen umbringen und das interessiert keine Sau -.-), aber jedenfalls, ich finds übel, wie die das durch die Medien zerren, nur um Quote zu kriegen.
Auf jeden Fall – sehr gut gesagt, Herr Körber!

feydbraybrook

13. November 2009 um 21:42    


Nicht, daß ich einem Hinterbliebenen mein Beileid verwehren würde – es tut mir aufrichtig leid um Enke.

Aber genauso tun mir alle anderen Menschen leid, die den Selbstmord als letzten Ausweg sehen oder an Depressionen leiden. Von denen spricht leider keiner und daran wird auch Enkes Tod nichts ändern. Depression wird totgeschwiegen, es sei denn, man redet im Nachhinein über Enkes Depression – die erfordert ja auch keine Auseinandersetzung damit. Schön bequem.

http://feydbraybrook.wordpress.com/2009/11/13/enke-trauer-als-freizeit-event/

Bertrand

14. November 2009 um 11:20    


Die Ohrfeige war leider nötig. Von den Berichterstattungsmethoden so mancher Privatsender habe ich inzwischen schon meine ganz eigene Meinung. Aber die darf ich hier ja nicht kundtun.

Ein Journalist

8. Januar 2010 um 17:53    


Tja, man kann es sehen wie man will, aber würde es niemand sehen wollen, so käme auch kein Sender auf die Idee solche Beiträge zu senden. Ich gehöre auch zu den Kollegen die sich täglich mit “Blut & Sperma” (Brände, Unfälle, Gerichtsprozesse, Skandälchen der F-Promis, etc.) herumschlagen – und ich verdiene sehr gut dabei.

Beispiel? Okay, vorletzte Woche: Ein Unfall mit 4 Toten lief absolut wunderbar:

RTL Punkt 6, RTL Punkt 9, RTL Punkt 12, RTL Nachtjournal, N-TV bis zum Mittag 6 mal, N24 bis Abends 9 mal, Sat1 Morgenmagazin, Sat1 17.30, Sat1 Nachrichten 20.oo, MDR Brisant, ZDF Hallo Deutschland, K1 Nachrichten, VOX Nachrichten, RTL News, SWR Nachrichten 3 mal, SWR Landesschau, sowie drei Regionalsender

Ergebnis: Fast 6000 € mit dem Leid anderer verdient. Und das für lediglich drei Stunden Arbeit (Anfahrt, Bilder machen, Telefonieren, Rohschnitt, per ATM überspielen). Okay, häufig verkäuft es sich nur regional weil die Toten fehlen, aber insgesamt ein sehr einträgliches Geschäft mit viel Umsatz für wenig Arbeit. Ich lebe gut davon – und auch damit.


[...] zur Folge: – Die „Liga Total“-Spots bei YouTube – Der Kommentar von „Ein Journalist“ zum Thema Sensationsjournalismus – Twitter-Profil der Band [...]

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