Befreiungsschlag für Apples iPhone
Kommentar zum Telekom-Exklusivrecht veröffentlicht am 3. September 2010 auf newsecho.de
Alle Jahre wieder präsentierte Steve Jobs bisher nicht nur ein neues iPhone-Modell, sondern alle Jahre wieder keimen auch Gerüchte über das Ende der iPhone-Exklusivität in Deutschland auf. Am Donnerstag war es wieder so weit. Fernab der Gerüchteküche: Das Ende der Telekom-Bindung hätte viele Vorteile.
Stein des Anstoßes ist dieses Mal ein Artikel im „Wall Street Journal“. Dort will man – natürlich wie immer unter Berufung auf gleich mehrere Informanten, die „mit der Sache vertraut“ seien – erfahren haben, dass die Telekom in Deutschland noch vor der großen iPhone-Exklusiv-Geldscheffelei zu Weihnachten ihre Exklusivrechte für dessen Verkauf verlieren wird. Dann sollen auch die Konkurrenten O2 und Vodafone zum Zuge kommen und das Muss-ich-haben-Apple-Handy zum Verkauf anbieten dürfen. Zwar seien endgültige Verhandlungen noch nicht abgeschlossen, aber in einem „fortgeschrittenen Stadium“, heißt es.
Abgesehen vom alljährlichen Rätselraten um die exklusiven Vertriebsrechte in Deutschland, käme es Apple und vor allem den Endkunden nur entgegen, wenn die iPhone-Fußfessel vom rosafarbenen Riesen gelöst würde. Wer sich bisher erfolgreich gegen den Kauf des Smartphones zur Wehr setzte – nicht etwa, weil ihm das Gerät nicht zusagt, sondern weil eine Bindung an die Telekom um jeden Preis vermieden wurde – könnte nun bei der Konkurrenz glücklich werden. Am Ende strahlt ohnehin Apple. Mit dem Öffnen des iPhone-Marktes in Deutschland würden unterm Strich vermutlich mehr Geräte als jetzt ohnehin schon neue Besitzer finden.
Flucht in andere Netze – ohne Jailbreak
Ein weiteres Argument für den kalifornischen Konzern, die Exklusivrechte hierzulande endlich zu lockern: Jailbreaks. Ist die Gier bei den Apple-Anhängern so groß, doch zu einem iPhone zu greifen, wird auf Gebrauchtgeräte oder neue Ware aus dem Ausland zurückgegriffen. Will man nicht gerade mehrere hundert Euro in Frankreich, England oder Italien auf die Ladentheke legen, um ein gänzlich netzbefreites und offenes iPhone zu erwerben, bringt der sogenannte Jailbreak die Befreiung für SIM-Karten aller Netzbetreiber. Wahrscheinlich wären es viele, die dazu bereit wären bei anderen Providern eine vertragliche Bindung einzugehen. So bleibt derzeit nur, auf Jailbreak-Prozeduren oder umständliche Importmethoden zurückzugreifen.Ob Apple so weit gehen wird und ein komplett freies iPhone – ohne Vertrag – in den deutschen Store verkauft, darf mit Recht bezweifelt oder sogar als unwahrscheinlich angesehen werden.
Am Ende profitiert der Kunde
Klar ist: Der Exklusivvertrag zwischen Apple und Telekom wurde über fünf Jahre geschlossen und läuft bis 2012. Dennoch gibt es die Möglichkeit, bereits Ende 2010 aus diesem Vertrag auszusteigen. Das besagt das Kündigungsrecht, das Apple die Möglichkeit einräumt, drei Jahre vorher „Adieu, Telekom!“ zu sagen. Inwiefern die nach wie vor andauernden Lieferengpässe des iPhone 4 das Verhältnis zwischen den Unternehmen anspannen haben lassen – darüber kann nur spekuliert werden. Der Zustand, dass Kunden aktuell bis zu neun Wochen auf ein 32-Gigabyte-Modell des neuen Apple-Telefons warten müssen, wurde in den vergangenen Tagen von Telekom-Sprecher Niek Jan van Damme moniert. Mit unzufriedenen und verärgerten Kunden muss sich die Telekom auseinander setzen, nicht Apple.
Doch das Ende einer Exklusivität könnte zugleich einen Befreiungsschlag für die iPhone-Tarifpolitik bedeutet. Würden O2 und Vodafone bei einem möglichen Vertrieb auf günstigere Konditionen oder sogar geringere Gerätepreise setzen, wäre die Telekom im Zugzwang. Schon jetzt beklagen viele iPhone-Nutzer in Deutschland die teilweise überteuerten Complete-Tarife des Bonner Unternehmens; ein Blick über die Grenzen bestätigt Kritiker.
Das iPhone von der Telekom befreien – es würde nur Vorteile mit sich bringen. Außer für die Telekom selbst. Es wäre ein herber Rückschlag für den Mobilfunkprovider, dessen Umsätze seit der iPhone-Einführung im Jahr 2007 nicht zuletzt aufgrund der Exklusivrechte stärker gewachsen sind als bei den Mitbewerbern. Damit existiert für die Telekom in Deutschland übrigens ein Alleinstellungsmerkmal; in keinem anderen Land Europas kann ein Anbieter dieses Privileg genießen. Die Telekom kann es. Noch.
Foto: Flickr/Brian Wilkins
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