Die Faszination der 140 Zeichen

Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2010 auf newsecho.de

Der Kurznachrichtendienst Twitter fasziniert und polarisiert. Die einen lieben das Gezwitscher auf 140 Zeichen, andere können damit gar nichts anfangen und tun es als digitale Zeitverschwendung ab. Doch was genau macht eigentlich die Faszination Twitter aus?

140 Zeichen – mehr braucht ein Nutzer von Twitter nicht, um in seinem kleinen Stückchen Netz zu kommunizieren. Mehr bekommt er auch nicht. Denn auf 140 Zeichen ist der Microbloggingdienst beschränkt. Auf diesen wenigen Zeichen spielt sich alles ab: Wortspielereien, Linktipps, sinnloser Alltag, politische Auseinandersetzungen, Flirts. Aber auf 140 Zeichen spiegelt sich auch das Weltgeschehen wider.

In seinen Tweets, so nennen sich die einzelnen Twitter-Einträge eines Nutzers, zwitschert man über die Fußball-Weltmeisterschaft, über die rot-grünen Koalitionsgespräche in Nordrhein-Westfalen oder die Ölkrise im Golf von Mexiko. Und passiert etwas – mal mehr, mal weniger – Spektakuläres vor der eigenen Haustüre, tickert man live in die Welt hinaus. Als aktuellstes deutsches Ereignis ist hier die Geiselnahme in einer H&M-Filiale in Leipzig zu nennen. Fotos der abgesperrten Innenstadt erreichten binnen Minuten das Netz – ungefiltert und in Echtzeit. Jeder der möchte, kann sich kostenlos am Netzgezwitscher beteiligen.

Am Anfang fehlt der Sinn

Jemandem, der Twitter nicht aktiv nutzt, den Sinn des Dienstes zu erklären, gestaltet sich als schwierig. Die Funktionalität ist simpel und schnell verbalisiert. Doch was ist das eigentliche Phänomen? Markus Krüger ist Medienwissenschaftler an der Technischen Universität Braunschweig. Er beschäftigte sich im Rahmen seiner Magisterarbeit intensiv mit dem Thema Microblogging und nutzt Twitter. An seinen Einstieg in den 140-Zeichen-Dienst vor etwa zwei Jahren erinnert er sich noch gut: „Zu Beginn hab ich mir erste Accounts angeschaut und auch nicht wirklich selbst Nachrichten verfasst, sondern einfach nur mitgelesen. Ich fand es zwar schon interessant, mir war aber der Sinn noch nicht klar. Warum muss ich ausgerechnet der Welt von meinem Leben erzählen?“, erzählt er uns im Interview.

Sein erstes „Rufen in den Wald“ verstummte. Ohne Follower (Personen, die einem Account folgen) keine Reaktion. „Erst als später die ersten Antworten und Retweets kamen (Anm. d. Red.: Retweets sind Weiterleitungen der eigenen Tweets durch andere User) und ich auch die ersten Follower aus dem ‚echten‘ Leben kannte, machte es Klick und es fing an Sinn zu machen.“

„Kann ein Stückchen süchtig machen“

Weltweit über 105 Millionen Menschen sind bei Twitter angemeldet (Stand: April 2010) und auch wenn sich die meisten nach kurzer Zeit schon nicht mehr mit Twitter beschäftigen: täglich kommen im Schnitt 300.000 neue Nutzer hinzu. Diese beeindruckenden Zahlen präsentierte Mitgründer Biz Stone im April dieses Jahres. Die aktuellsten Statistiken aus Deutschland stammen von Juni 2009. Hier konnte das Marktforschungsunternehmen Nielsen 1,8 Millionen Unique User zählen, die Twitter regelmäßig nutzen.
Bei vielen scheint die Hemmschwelle, sich auf Twitter einzulassen, nach wie vor groß zu sein. Medienwissenschaftler Markus Krüger empfiehlt, nach einem Einstieg auch am Ball zu bleiben: „Am Anfang gibt es diese Schwelle, nach der Twitter erst Sinn zu machen scheint. Es bedarf eben einer gewissen Anzahl an Followern und regelmäßiger Partizipation um wirklich auch Reaktionen zu bekommen. Und dann kann Twitter sogar ein Stückchen süchtig machen.“

Von dieser Sucht befallen ist auch Online-Redakteur Florian Meyer. Der 27-Jährige twittert seit Ende März 2009 unter dem Nickname „Scherzinfarkt“. Seinem Account folgen inzwischen mehr als 5.000 Menschen, knapp 15.000 Tweets hat er bereits in die Welt geschickt. Auch er unterstreicht die Ansicht Krügers: „Twitter simpel erklären? Unmöglich. Twitter muss man erleben, um es zu verstehen.“ Dennoch kann Meyer nachvollziehen, dass Außenstehende durchaus skeptisch auf die Menschen blicken, die auf Twitter fremden Personen stellenweise tiefe Einblicke in ihr Privatleben gewähren. Als Unbedarfter „muss man sich ja an den Kopp packen“, analysiert der Twitterer aus Köln. „Aber man muss eben genauer hinschauen, um die Faszination davon zu verstehen“, erzählt uns Meyer weiter. „Und wenn man das nicht will, weil es einem sinnlos erscheint oder die Privatsphäre zu bedrohen scheint, dann schüttelt man eben mit dem Kopf und muss draußen bleiben.“

Twitter treibt zu kulinarischen Höchstleistungen

Beobachtet man das Gezwitscher in und um die Domstadt Köln, stellt man schnell fest, dass sich dort nicht nur in der Stadt die buntesten Vögel rumtreiben. Über Twitter lernten sich viele kennen. Und wenn man nicht gerade über Gott und die Welt zwitschert, verabredet man sich kurzerhand auf ein Feierabendkölsch oder kocht gemeinsam. Solche Kochabende amüsieren dann aber nicht nur Koch und Gäste in den eigenen vier Wänden, sondern ganz Twitter. Gemeinsam veranstaltet die Kölner-Twitter-Clique regelmäßig das „Twitter-Dinner“. In Anlehnung an die Vox-Kochshow „Das perfekte Dinner“ streamt man das Geschehen live ins Internet, via Twitter kann man Kontakt zur illustren Runde aufnehmen. Der Zwitscherdienst verbindet – auch außerhalb der 140-Zeichen-Begrenzung.

„Ich finde das Faszinierende an Twitter, dass es ein Mikrokosmos ist und gleichzeitig das reale Leben abbildet“, schwärmt Florian Meyer. Er hat schon viele derer, die man im Idealfall nur durch ihre Avatare im Twitter-Profil kennt, im realen Leben getroffen, mit ihnen gesprochen und diskutiert. Den typischen Twitter-Nutzer auszumachen, gestaltet sich jedoch als unmögliches Unterfangen. „Vom 15-jährigen Bubi bis zur Seniorin jenseits der 70 war alles dabei. Das einzige, was wohl die meisten Twitterer eint, ist die Aufgeschlossenheit für Neues und für Entwicklungen im Web. Aber ansonsten sind das Menschen wie du und ich.“

Twitter ist einfach, doch bis man es begriffen hat, kann eine gewisse Zeit ins Land gehen. Hat man jedoch für sich verinnerlicht, dass es im 140-Zeichen-Universum keine Grenzen zu geben scheint, zwitschert es sich wie von selbst. Richtig oder falsch? Gibt es hier nicht. „Twitter ist, was du draus machst“, sagen Meyer und auch Medienwissenschaftler Markus Krüger. „Egal ob ich über Katzen-Content oder Social-Media-News twittern will – wer es nicht lesen möchte, kann einfach unfollowen.“

Der Schlüssel zum Verständnis der Twitter-Kommunikation – er scheint universal. Während sich der Microbloggingdienst für die einen als Form der eigenen Nachrichtenauslese interessant macht, verschaffen sich die anderen einen Überblick über das, was häufig retweeted wird: Blog-Einträge, flotte Sprüche, Links zu sehenswerten Videos. Die für diese Gruppe unwichtigen Tweets verpuffen im Netz. Meist sind dies Tweets von privaten Accounts, die von total belanglos über amüsant bis hin zu erschreckend reichen können. Wie weit man die virtuelle Hose runterlässt, bestimmt jeder für sich. Und: ob überhaupt. Studien belegen immer wieder, dass viele Twitter lediglich konsumieren, selbst aber nie zum Sender werden. Markus Krüger sieht darin ein typisches Phänomen im Social Web: „Die sogenannte 90-9-1-Regel besagt, dass 90 Prozent der Nutzer nur passiv partizipieren, während 9 Prozent gelegentlich aktiv werden und nur 1 Prozent regelmäßig aktiv teilnimmt, kommentiert und Content produziert.“

Eigene Videos drehen, Einträge in der Wikipedia bearbeiten oder verfassen – dafür können sich nicht alle begeistern. Vielleicht fehlt ihnen dazu am Ende der Arbeit auch schlicht der effektive Nutzen. Auch mit der Selbstdarstellungsfläche die Twitter bietet, kann nicht jeder umgehen. Lieber wird beobachtet, lieber liest man von privaten Alltagsgeschichten anderer. Das liegt in der Natur des Menschen. „Das wirkt bei Twitter genauso wie in anderen Medien, beispielsweise beim Fernsehen“, erläutert der Microblogging-Experte. „Aber ehrlich gesagt versuche ich es bei Twitter wie folgt zu halten: Persönlich, aber nicht privat. Irgendwo sollte man auch Grenzen setzen.“

Intensiv-Twitterer Florian Meyer setzt diese Grenzen in seinen Tweets intuitiv: „Ich würde sicher nicht hingehen und so etwas wie ‚Jetzt noch eine Runde Sex und dann ins Bett‘ schreiben. Mich selbst reizt nichts daran, besonders Privates zu twittern. Wenn es etwas ist, das mich bewegt und wozu mir vielleicht auch noch was einfällt, was ich vielleicht lustig finde, dann hau ich‘s raus.“ Einen gewissen Voyeurismus kann aber auch er nicht abstreiten. Ihn berühren dabei vor allem die menschlichen Geschichten, die sich auf 140 Zeichen abspielen: „Wenn sich zwischen zwei ‚Verfolgten‘ langsam eine Romanze anbahnt und entwickelt, ist das schon nett zu beobachten. Wie eine kleine Soap im Netz – aber mit echten Menschen und ohne Darsteller.“

140 prominente Zeichen

Von Darstellern zu echten Menschen werden bei Twitter aber auch die ganz großen Persönlichkeiten. In den USA sind das beispielsweise Sängerin Britney Spears, deren Account knapp 5,2 Millionen Menschen folgen, oder Schauspieler Ashton Kutcher mit ebenfalls um die 5,2 Millionen Follower. Sie twittern Backstage-Fotos, feuern Mannschaften während der Fußball-WM an oder beantworten Fragen von Fans. Das lässt die Stars plötzlich nahbar werden.

Auch Deutschland verfügt über seine Twitter-Prominenz. Ex-Leverkusen-Manager und Gourmet Rainer Calmund zwitschert mit seinen rund 48.000 Followern über seine Auftritte und Fernsehtermine, Schauspieler und Comedian Michael Kessler („Switch Reloaded“) verteilt während den Ausstrahlungen seiner Sendungen Bonusmaterial und Hintergrundwissen in Tweetform an seine 34.000 virtuellen Verfolger.

Moderatorin Nela Panghy-Lee ist relativ neu bei Twitter, gehört inzwischen dennoch schon zur prominenten Zwitscher-Elite. Wenn sie nicht gerade für ProSieben, das ZDF oder den Kindersender Nickelodeon vor der Kamera steht, führt sie über ihren Twitter-Account Umfragen durch, postet Links zu Internetfundstücken oder plaudert mit ihren Followern über Gott und die Welt. „Mein Freund hat sich dort angemeldet und war neugierig, was Twitter eigentlich ist. Und da dachte ich mir, wenn er schauen will, was Twitter eigentlich ist, dann will ich das auch“, erzählt sie uns. „Und da wir bei ‚Taff‘ immer wieder über Twitter berichtet haben und ich auch gesehen habe, die ganzen Promis sind dort schon unterwegs, dachte ich mir: das muss ich auch probieren, da ich von Natur aus sehr neugierig bin.“

Auch die Moderatorin musste schnell feststellen, dass dem Begreifen der Twitter-Faszination einige Arbeit voraus geht. Ohne Menschen, denen man folgt und ohne Menschen, die einem folgen, sitzt man vor seinem Twitter-Account wie vor einem leeren Blatt. Inspirationen, die so wenigen 140 Zeichen zu füllen, fehlen. „Irgendwann sind mir immer mehr Leute gefolgt. Dann habe ich vor der Sendung auch Fotos live aus der ProSieben-Maske hochgeladen. Und mich erstaunte total dieses schnelle Feedback von den Leuten. Ich schreibe etwas und schon kommen hundert Antworten zurück. Und dann konnte ich beobachten, wie das ganze langsam immer größer wurde und Twitter bekam für mich eine ganz eigene Faszination“, schwärmt sie.

Eine passende Umschreibung für den Microbloggingdienst hat Panghy-Lee schnell parat. Erst kürzlich musste sie ihren Maskenbildner über Twitter aufklären: „Ich sage immer, man sendet SMS in die Welt hinaus und draußen gibt es Leute, die sich dafür interessieren und meine SMS quasi abonnieren.“

Worüber die 30-Jährige twittert, hat sie sich selbst auferlegt: „Über alles. Ganz klare Grenzen habe ich nur im privaten Bereich“, verriet sie uns im Gespräch. Außerhalb der Privatsphäre zwitschert sie jedoch fröhlich mit ihren Followern durch das Netz. „Egal ob es die Arbeit ist oder Themen, die die ganze Welt gerade interessieren – ich habe da keine Richtlinie oder keinen roten Faden. Ich werde ja auch viele Dinge gefragt, auf die ich dann einfach antworte oder wenn ich selbst lustige Videos sehe, dann werden die eben retweeted.“

Ganz gleich ob Nela Panghy-Lee, Rainer Calmund oder Britney Spears – die Faszination Twitter, bezogen auf prominente Zeitgenossen, zeigt sich hier besonders deutlich. Nie kam man direkter an neueste Informationen seiner Idole, nie bestand die Option auf einen so direkten Nachrichtenaustausch. Über Twitter entwickelte sich eine komplett neue Form der Kommunikation zwischen Fans und dem prominenten Star. „Wenn ich damals hätte Robbie Williams antweeten können, das wäre der Knaller gewesen“, sagt Nela Panghy-Lee begeistert. „Man schreibt irgendwelche Sachen und die Leute fühlen sich einem dann sehr nah. Man lässt sie ja auch viel näher ran durch Twitter.“

Narzissten vereinigt euch

Doch nicht nur Persönlichkeiten aus Film und Fernsehen können vom Multiplikator Twitter profitieren. Auch Netzprominente wie Blogger Sascha Lobo oder ein Internet-Showmaster namens Rob Vegas, der monatelang als falscher Harald Schmidt twitterte und auf den sogar die Presse reinfiel, nutzen den Dienst gezielt als Sprachrohr und erreichen innerhalb weniger Minuten so viele Menschen, wie nie zuvor. Trotzdem gilt: Der Inhalt muss stimmen. Auch der Kölner Twitterer Florian Meyer glaubt, dass die 140 Zeichen dazu beitragen können, Leuten dazu zu verhelfen, ihren Bekanntheitsgrad enorm zu steigern: „Das haben wir ja auch schon mehrfach erlebt. Wenn man etwas macht, was den Leuten gefällt, weisen die ihre Follower darauf hin und die wiederum ihre – so kann man mit richtig guten Sachen schnell groß rauskommen.“

Umgekehrt funktioniert der Weg allerdings auch, meint Medienwissenschaftler Markus Krüger: „Gerade die Prominenten haben Twitter bereits zu größerer Beliebtheit verholfen – sei es das große Follower-Duell Ashton Kutcher gegen CNN, Sascha Lobo oder auch Reiner Calmund. Sie bringen dem Microblogging-Dienst immer wieder Medienaufmerksamkeit. Und das bereits erwähnte Stückchen Voyeurismus gehört da auch dazu.“

Twitter zu erklären ist eine Sache. Die Faszination zu beschreiben eine ganz andere. Letztendlich ist Twitter kein festgefahrener Dienst, der Informationen an einen heran trägt. Jeder, der sich Twitter zunutze macht, bestimmt über die Inhalte, die in seiner Timeline aufschlagen. Ebenso wie jeder über die Inhalte bestimmt, die man selbst ins Netz schießt. Das Überleben wichtiger Informationen im undurchsichtigen Gezwitscher ist durch Wiederholung im Netz jedenfalls gesichert. Und diese Informationen gehören schon jetzt zu einem wichtigen Bestandteil der digitalen Kultur.

Foto: Flickr/Bakerella

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