Saarbrückens Stadtbild ohne Seele

Kommentar zur neuen Europa-Galerie veröffentlicht am 21. Oktober 2010 auf newsecho.de

Seit 9 Uhr ist die Europa-Galerie in Saarbrücken offiziell eröffnet. Großes architektonisches Meisterwerk und Besuchermagnet für die Stadt oder Gefahr für die Bahnhofstraße?

Sie wertet das Stadtbild auf, das steht außer Frage. Die Europa-Galerie empfängt künftig alle Gäste, die Saarbrücken mit dem Zug besuchen. Architektonisch schmiegt sich das moderne und im Inneren sehr warm gestaltete, neue Einkaufszentrum harmonisch an die denkmalgeschützte Bergwerksdirektion an. Die stets kühl und nüchtern wirkende Saar-Galerie: Seit heute endgültig Geschichte. An sie erinnert nun, nach etwa zwei Jahren Großbaustelle, nichts mehr.

Spätestens nach einem Besuch der Galerie müssen auch Skeptiker eingestehen, dass die Befürchtung, die Bergwerksdirektion würde als Wahrzeichen für den Bergbau im Saarland in ihrer bisherigen Form verschandelt werden, so nicht eingetroffen ist. Ganz im Gegenteil: Der Bau im Stil der Florentiner Renaissance wurde mit dem Hier und Jetzt und dem Modernen verbunden. Auch die sichtbare Auffrischung des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Saarbergwerke steht dem Stadtbild in der Trierer Straße gut zu Gesicht.

Der private Investor ECE Projektmanagement hat große Ziele: 100 Millionen Euro soll die neue Galerie in der saarländischen Landeshauptstadt nach zwölf Monaten an Gewinn abwerfen. Zudem soll die Bahnhofstraße als Einkaufsstraße keineswegs überflüssig werden, denn man sieht das Center als Magnet, um neue Besucher und potenzielle Kunden anzuziehen – auch für die Fußgängerzone.

Möglicherweise mag man hier zu optimistisch denken. Zu marginal sind die Unterschiede zwischen den Shoppingmöglichkeiten in der Europa-Galerie und Bahnhofstraße, teilweise doppeln sich die Angebote sogar. H&M, Esprit, die Thalia-Buchhandlung, Douglas oder Starbucks sind ab heute in zweifacher Ausführung in der Saarbrücker Innenstadt vertreten – getrennt nur durch wenige hundert Meter Luftlinie. Der saarländische Einzelhandel konnte mit einem Plus von 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr 2010 zwar wieder leicht aufatmen, aber dennoch bleibt die Frage nach dem Sinn. Wer unter dem Dach der Europa-Galerie seine Einkäufe tätigen kann, wird die Bahnhofstraße vernachlässigen.

In Neunkirchen mag das ECE-Konzept aufgehen. Dort betreibt man seit 1989 das in der Region bekannte und fest verankerte Saarpark-Center. Es ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass die Stadt Neunkirchen im Gegensatz zur Landeshauptstadt über keine vergleichbare Einkaufsstraße verfügt. Wer ein breites Shopping-Angebot sucht, findet sich im Saarpark-Center wieder.

Hinzu kommt das, sich gerade in der Planung befindliche Großbauprojekt „Stadtmitte am Fluss“. Dieses sieht als Teilprojekt vor, die Berliner Promenade attraktiver zu gestalten. Die Bauarbeiten haben bereits begonnen, 2012 soll das neue Saarufer fertiggestellt sein. Das Ziel? Die Bahnhofstraße durch Anheben der Seitengassen mit der Promenade verbinden und mit der gestalterischen Aufwertung dafür sorgen, dass die neue Berliner Promenade als Einkaufs- und Flaniermeile gestärkt wird. Doch dazu braucht es die Einzelhändler der Fußgängerzone, die durch einen möglichen Erfolg der Europa-Galerie bis dahin hoffentlich nicht längst geschwächt sind.

Die Geschäftsleute der Bahnhofstraße in die Pflicht zu nehmen, ihr Erscheinungsbild und das Angebot attraktiver zu gestalten, um künftig im Wettbewerb ums Überleben zu kämpfen, wäre der falsche Weg. Wünschenswerter für eine Einkaufsstadt Saarbrücken wäre ein alternatives Angebot, für das sich sowohl der Weg in die neue Europa-Galerie, wie auch der in die Bahnhofstraße lohnen muss. Sonst beherrscht in zwei Jahren ein modernes Äußeres ohne Seele das Stadtbild von Saarbrücken.

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