Thomas Gottschalk: Abgang mit Wehmut
Kolumne veröffentlicht auf newsecho.de

Am Wochenende hat Showmaster Thomas Gottschalk seinen Abschied von „Wetten, dass..?“ bekanntgegeben. Noch bis Ende des Jahres wird er die Samstagabendshow präsentieren, Nachfolger unbekannt. Das Abtreten Gottschalks ist für ganze Generationen das Ende einer Ära.
Mit Gottschalks Rücktritt bei „Wetten, dass..?“ endet für mich ein Stück Kindheit. Denn die ZDF-Show war mehr als eine Fernsehsendung, die man heutzutage, beliebig wie sie geworden sind, an jeder Ecke finden kann. Sie war das vielleicht einzige Überbleibsel des Fernsehens, wie man es früher kannte. Das Fernsehen, das die Familien in der guten Stube versammelt und den Gäste-Spagat zwischen allen Altersklassen geschafft hat. Zeiten, in denen die Kulenkampffs, Alexanders und Frankenfelds Fernsehen zu einem besonderen Erlebnis gemacht haben.
Gerade weil sich Sehgewohnheiten ändern, Sender heutzutage auf Zielgruppen achten müssen und das Fernsehen schnelllebiger geworden ist, war „Wetten, dass..?“, und für meine Generation Thomas Gottschalk als dessen Gesicht, stets eine letzte Festung, die nun fällt. Nicht, weil es dem ZDF nicht gelingen wird, einen Nachfolger zu bestimmen, der die Show möglicherweise progressiv weiterführen wird; vielmehr wird „Wetten, dass..?“ ohne Gottschalk nicht mehr das Gesamtpaket sein, das er über 24 Jahre präsentiert hat. Er hatte die Verbindungen nach Los Angeles, bei ihm fühlten sich die internationalen Stars auf dem Sofa sichtlich wohl und gut aufgehoben.
„Wetten, dass..?“ prägte
Vom Feuilleton und Kritikern oftmals in der Luft zerrissen, kann man Thomas Gottschalk vieles vorwerfen, aber nicht, dass er seiner Linie untreu wurde. Er ist kein Dieter Bohlen, der seine Kandidaten vor Millionen von Fernsehzuschauern lächerlich machen muss und auch kein Oliver Pocher, der mit Haudrauf-Humor punkten will. Gottschalk war es ein Grundbedürfnis, Menschen zu unterhalten. Nicht mehr und nicht weniger. „Wetten, dass..?“ war dafür genau seine Bühne, auf der er Generationen vor dem Flimmerkasten vereinte und mitfiebern ließ. Die ZDF-Show hat sein Leben zu dem gemacht, was es heute ist und war mehr als nur Karrieresprungbrett. Umso mehr Respekt muss man seiner Entscheidung entgegenbringen, die für ihn mehr bedeutet, als nur ein Format abzugeben. Er lässt ein großes Stück seines Lebens zurück.
Abgang mit Würde
Zu sagen, einzig und alleine der dramatische Unfall von Samuel Koch habe mit seinem Rücktritt zu tun, wäre sicher falsch. Der 60-Jährige wird sich mehr als einmal die Frage nach dem Wann gestellt haben. Solange er noch Spaß an der Moderation der Sendung hatte, ließ sich diese Entscheidung aber umso besser hinten anstellen. Die Sendung vom 4. Dezember 2010 beschleunigte den Entscheidungsprozess. „Für mich persönlich liegt auf ‚Wetten, dass..?‘ jetzt einfach ein Schatten, der es mir schwer machen würde, jemals wieder zu der guten Laune zurückzufinden, die Sie zu Recht von mir in dieser Sendung erwarten“, sagte er am Samstag vor laufenden Kameras zu Beginn der Show. Es ist der Respekt vor dem, was geschehen ist. Seine Entscheidung zeigt tiefstes Mitgefühl und die Menschlichkeit, die Gottschalk seiner Karriere voran stellt. Als vielleicht letzter großer Showmaster wird er mit Würde seinen Hut nehmen.Ob „Wetten, dass..?“ allerdings je wieder zu dem wird, was es war, obliegt dem ZDF. So sorgfältig man auch bei der Suche nach einem geeigneten Moderator vorgehen wird: Thomas Gottschalk hat Fernsehgeschichte geschrieben, einzigartige Momente geschaffen und das auch abseits des „Wetten, dass..?“-Sofas. Es sind Augenblicke, in denen man sich selbst mit Mama, Papa, Opa und Oma als Kind vor dem Fernseher sitzen sieht, als die Eurovisions-Melodie ertönte und der blonde Wettkönig Stars wie Michael Jackson begrüßte, mit Gorbatschow live zur Raumstation MIR schaltete, Sarah Connor in einem Hauch von nichts und vermutlich ohne Schlüpfer „From Sarah with Love“ präsentierte oder Stefan Raab kleinlaut zwischen den Klitschko-Brüdern sein Raabigramm sang.
Abgang mit Wehmut
Solche „Wetten, dass..?“-Momente verbinden Generationen und bleiben selbst nach der dunkelsten Stunde der Show in guter Erinnerung. Ebenso Thomas Gottschalk: Der Tommy, der oftmals unmöglich und stets eigensinnig gekleidet war, dem man nachsagte, seinen weiblichen Sofa-Gästen immer etwas zu nahe zu kommen, der Tommy, der sich selten an Sendezeiten hielt und man als Zuschauer mit der Einblendung „Thomas ist noch nicht so weit, er braucht noch 25 Minuten Zeit“ sagen konnte: „Der Gottschalk darf das.“
Er wird „Wetten, dass..?“ fehlen und es mit seinem Abgang dem Überleben der Show nicht einfach machen. Ganz gleich, ob sein Nachfolger nun Jörg Pilawa, Hape Kerkeling oder Matthias Opdenhövel heißen wird: Gottschalk hat sich mit dem Unterhaltungsflaggschiff seinen Platz in der Fernsehgeschichte gesichert und vielleicht ist es gerade das persönliche Eingeständnis, das den Abschied des Moderators so wehmütig macht und einem zu spüren gibt, dass nichts für immer währt. Wetten, dass..?
Foto: ZDF
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